Aga Khan Music Initiative (AKMI) und die Klassik der Welt

„Der kurzlebige „Weltmusik“-Boom hat zwar bis dahin kaum bekannter Musik zu internationaler Aufmerksamkeit verholfen, der Terminus selbst schreibt jedoch einen kolonialen Irrglauben fort: Dass nämlich nur Europa und die USA über „klassische“ Musiktraditionen verfügten, andere Gesellschaften dagegen nur über sogenannte „Volksmusik“. (Eine kleine Ausnahme wird vielleicht noch bei Nordindien gemacht.) Tatsächlich hat der Westen jedoch kein Monopol auf musikalische „Premium“-Tradition. Es ist nachhaltig beeindruckend zu sehen, welch schwindelerregend intellektuelle Leistungen klassischen Musikern in der Türkei, in Thailand und Java abverlangt werden. Ebenso faszinierend ist die Erkenntnis, dass beinahe allen großen Musiktraditionen dieser Welt die Improvisation als fundamentaler Bestandteil zugrunde liegt – eine Gabe, die den europäischen Musikern nahezu verloren gegangen zu sein scheint. Tatsächlich ist ein Teil dieser Musik akut bedroht, nicht nur aufgrund der Erosion westlicher Einflüsse (klassischer und populärer), sondern auch durch Krieg und Verfolgung. Es ist schwer vorstellbar, dass Musik aus Aleppo – wo unter anderem die wunderschöne „muwashshah“-Gesangtradition, bis Assads Fassbomben zu fallen begannen, über 800 Jahre ungebrochen überleben konnte – revitalisierbar sein wird, wenn ein wie auch immer gearteter „Frieden“ dort eines Tages wieder Einzug hält. Klassische Musik kann sterben, also sollten wir die wertschätzen, die wir noch haben.“

(Michael Church, Old and New Music from the Ends of the Silk Route, 2016, 2)

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Die Aga Khan Music Initiative (AKMI) wurde von Karim Aga Khan mit dem Ziel ins Leben gerufen, herausragende Musiker und Musiklehrer darin zu unterstützen, ihr musikalisches Erbe zu bewahren, zu vermitteln, es in zeitgenössischen Formen weiter zu entwickeln und durch Konzerte und Aufnahmen weltweit zu verbreiten. Die Initiative initiiert und implementiert länderspezifische Aktionsprogramme, um die Wiederbelebung und Bewahrung kulturellen Erbes zu unterstützen. Unter dieser Prämisse entwickelt AKMI unter anderem besondere Programmreihen, in denen herausragende renommierte Künstler neue Kompositionen, Improvisationen und Arrangements eines stark durch die jeweilige Tradition inspirierten Repertoires vorstellen. Die Programme stellen stets künstlerische Begegnungen zwischen altehrwürdigen Traditionen und zeitgenössischen Formen dar, indem eine neue Generation hochkarätiger Musiker alte Musiktraditionen weiter entwickelt und variiert. Durch das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Kulturen entsteht so eine einzigartige musikalische Kreativität.

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Contemporary Music from the Ends of the Silk Route: Andrea Piccioni, Basel Rajoub, Feras Charestan, Wu Man, Homayoun Sakhi, Salar Nader

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Instrumen kleinDas Programm New Music from the Ends of Silk Route (Neue Musik von beiden Enden der Seidenstraße) wurde im November 2016 in Dubai und Al Ain vorgestellt und anschließend in der Londoner Wigmore Hall zum ersten Mal in Europa präsentiert. Es folgten Auftritte in Mumbai, Hyderabad und beim Jaipur Literatur Festival in Indien. Renommierte Künstler aus China, Syrien und Italien führen in diesem Programm westliche und östliche, alte und neue Traditionen genre- und stilübergreifend zusammen. Eine einmalige Kombination von Instrumenten, zum großen Teil den europäischen Konzertbesuchern weitgehend unbekannt, stellt unter anderem die zentralasiatische Pipa, die arabische Kastenzither Kanun, das afghanische Nationalinstrument Rubab, die indische Tabla sowie verschiedene Schlaginstrumente vor.

Die Aga Khan Music Initiative ist ein international ausgerichtetes Musikvermittlungsprogramm des Aga Khan Development Network, einer nichtstaatlichen Entwicklungshilfeorganisation, die sich aus Mitteln der Aga Khan Stiftung finanziert. Die Initiative entwickelt und implementiert länderspezifische Maßnahmenpakete (Konzerte, musikalische Bildungsprojekte, Beratung und Produktion von Tonträgern und anderen Veröffentlichungen) zur Wiederbelebung und Bewahrung des kulturellen Erbes einzelner Regionen – sowohl als Existenzgrundlage von Musikern, wie auch als Mittel zur Stärkung von Pluralismus und Diversität bei Nationen, die großen sozialen, politischen und wirtschaftlichen Herausforderungen gegenüberstehen.

Mit ihrer Arbeit möchte die Initiative herausragende künstlerische Talente unterstützen und die Wiederbelebung historischer Verbindungen zwischen Künstlern aus Zentralasien, Südasien, dem Mittleren Osten und Nordafrika fördern, indem sie Kooperationen verschiedener künstlerischer Organisationen/Communities dieser Regionen unterstützt. Die Arbeitsergebnisse dieser Verbindungen werden über ein globales Netzwerk aus Bildungseinrichtungen, Konzertveranstaltern und Musikvertrieben verbreitet. Zu diesem Zweck treten die hochkarätigen Musiker der AKMI-Künstlerliste weltweit auf und stellen traditionelles Repertoire oder dessen Weiterentwicklung in zeitgenössische Kompositionen im Rahmen interregionaler Kooperationen vor.

Im Zentrum des Engagements von AKMI steht die Bildungsarbeit. Dazu gehören Entwicklung und Testen neuentwickelter Lehr- und Lernmethoden, Zusammenstellung und Veröffentlichung verschiedener Didaktikmethoden, Einrichtung und Betrieb von Talentförderungszentren sowie die Präsentation von Konzertveranstaltungen und Artists-in-residence-Programmen, die es Studenten ermöglichen, die kreativen Herausforderungen interkulturellen Musikmachens kennenzulernen. In diesem Rahmen sind Musiker der AKMI bereits in vielen musikalischen Institutionen Nordamerikas und Europas mit großem Erfolg präsentiert worden.

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Indien, 2017

In 2015 wurde mit Unterstützung der AKMI die umfangreiche Untersuchung The Other Classical Musics. Fifteen Great Traditions von Michael Church veröffentlicht und mit dem RPS Music Award 2015 ausgezeichnet.

Ab 2019 werden alljährlich die Aga Khan Music Awards verliehen. Ausgezeichnet werden herausragende und vielversprechend kreative Musikprojekte, deren Schwerpunkte in der Aufführung, Konzeption, Erhaltung oder Wiederbelebung  musikalischer Traditionen in Ländern mit signifikantem Anteil an muslimischer Kultur liegen.

Im Februar 2019 die Aga Khan Music Initiative tritt mit hochkarätigen Musikern aus dem Nahen und Fernen Osten, aus Afrika und aus den Ländern der früheren Sowjetunion an, das reichhaltige und vielfältige Erbe klassischer Musiktraditionen aus aller Welt zu bewahren und in Europa vorzustellen. Vom 15. bis 17. Februar 2019 ist die AKMI zum ersten Mal in Deutschland zu Gast und präsentiert am Konzerthaus Dortmund in vier Konzerten, darunter ein Schulkonzert, die facettenreiche klassische Musik der Seidenstraße. Renommierte Musiker wie die chinesische Pipa-Spielerin Wu Ma, der syrische Komponist und Musiker Basel Rajoub oder Dutar- und der Tanburspieler Sirojiddin Juraev vereinen in ihren Auftritten Musiktraditionen ihrer Länder mit Improvisation und Anleihen aus der westlichen Jazz-Tradition. Das Multimediakonzert Qyrq Qyz – Vierzig Mädchen erzählt und reflektiert musikalisch wie bildlich eine jahrhundertealte Sage Zentralasiens, die die westliche Sicht auf Frauenbilder des Ostens möglicherweise verändern könnte.

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Konzerte 2018/19
11. August 2019: Mosel Musikfestival – Neue Musik von beiden Enden der Seidenstraße (Wu Man: Pipa / Sirojiddin Juraev: Dutar, Tanbur, Sato / Basel Rajoub: Saxophon, Duclar / Feras Charestan: Qanun / Abbos Kosimov, Doira)
 

AKMI-Meilensteine (Video)

 

Projekte 2020/2021

 

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