Saisonbeginn auf Lesbos

© Molyvos Festival
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In der Tat kann man sich einen schlimmeren Saisonbeginn vorstellen, als ausgerechnet im sonnigen Süden am Mittelmeer. Als Chairman des Board of Advisors besucht Andreas Richter die zweiten Ausgabe des Molyvos International Music Festival auf der griechischen Insel Lesbos. Dass ausgerechnet dort im Sommer 2015 ein Kammermusikfestival ins Leben gerufen wurde, überrascht dann doch – denn seit Jahren nehmen die meisten Europäer die Insel in erster Linie als Anlaufstelle für hunderttausende Flüchtlinge, die die lebensgefährliche Überfahrt über das Mittelmeer überlebt haben, wahr. Überdies scheint das finanziell und wirtschaftlich seit Jahren gebeutelte Griechenland auch ohne internationale Flüchtlingskrise augenblicklich nicht gerade prädestiniert, neue Festivals hervorzubringen.

Und doch haben sich ausgerechnet hier Menschen zusammengefunden, die einen solchen Anfang wagen. Einen Anfang mit jungen Menschen, die in ein offenes, vereintes Europa hineingeboren wurden, die exzellente Ausbildungen erfahren und schon früh erlebt haben, dass Dialog, Austausch und Zusammenarbeit über Grenzen hinaus nicht nur funktioniert, sondern in unserer Welt selbstverständlich sein sollte. Deshalb haben sie sowohl junge Musiker wie auch renommierte Stars eingeladen, die überall auf der Welt zu Hause sind oder sein könnten. Deshalb haben sie von Anfang an stark auf Vernetzung und Kooperation mit anderen europäischen Städten und Ländern gesetzt.

Mit der Gründung des Molyvos Festivals ist eine enorme Verantwortung einhergegangen, denn auf Lesbos – im Gegensatz zu anderen griechischen Inseln – ist der Tourismus in einem empfindlichen Maße eingebrochen, und die Insel droht in der allgemeinen Wahrnehmung als Elendsstrand der Ägäis unterzugehen. Mit der Etablierung eines neuen, hochkarätigen Festivals könnte dem entgegengewirkt werden, zumal die politisch Verantwortlichen vor Ort diese Chance schnell erkannt haben und trotz der finanziell nach wie vor prekären Situation die Macher nach Kräften unterstützen. Den Menschen vor Ort wird damit gezeigt, dass sie nicht allein gelassen und die Insel nicht aufgeben wird. Aber auf Dauer wird Enthusiasmus allein nicht ausreichen, um dem Festival zu der Entfaltungskraft zu verhelfen, die jetzt schon zu erahnen sind. Dazu bedarf es eines gemeinsamen, eines europäischen Engagements und die (Rück-)Besinnung auf die Grundwerte, die einst den Weg in ein vereintes Europa gangbar machten.

Mehr über das Festival gibt es in der Sektion Special Projects zu entdecken.

Rüdiger Schaper hat für den Tagesspiegel das Festival besucht.

Classical:NEXT hat mit Festivalgründerin Kiveli Dörken ein Interview geführt.

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